„An anderen Orten“ – Regionaltage in Österreich

Als wir in Österreich 2017 ein Bibliologsymposium anlässlich des 10jährigen Bestehens des Bibliologs in Österreich begingen, legten wir damit auch den Grundstein für eine neue Form der Begegnung österreichischer BibliologInnen untereinander. Da die Vertiefungstage der ersten bibliologischen Jahre nicht so angenommen worden waren wie gedacht und erhofft, überlegten wir eine innovative Form der Begegnung, die gegenwärtig möglicherweise näher an der Lebenswirklichkeit ist. Nachdem wir 2015 erstmals ein Symposium mit Übernachtung erprobt hatten, das gut angenommen worden war, festigten wir 2017 anlässlich des Jubiläums diese neue Art von Treffen. Wir weiteten den Zeitrahmen auf eineinhalb Tage aus, mit der Option, auch nur an einem Tag teilzunehmen. Die Übernachtungsmöglichkeit sollte auch jenen BibliologInnen, die von weiter weg anreisten, die Möglichkeit geben, an einem Regionaltag teilzunehmen, KollegInnen zu begegnen, sich mit ihnen auszutauschen und miteinander Bibliolog zu erleben sowie Neues zu erproben. Ein Leitthema sollte uns durch diese eineinhalb Tage begleiten.

2017 wählten wir das Motto „An anderen Orten“. Von einem Ort zum anderen wollten wir gehen, um miteinander Bibliolog zu erleben, ihn zu würdigen und ihn mit unserer Lebenswirklichkeit zu verknüpfen. Wir begannen unseren Erinnerungsweg an 10 Jahre Bibliolog in der „Licht-Klause“, einem wunderbaren, von Ulrike und Heinz Stroh in der Nähe von Graz erdachten und erbauten Haus für Meditation und Bibelgespräch. Ulrike, Bibliologin der ersten Stunde und Mitbegründerin des Bibliologs in Österreich, hat uns vor kurzem für immer verlassen, aber das von ihr initiierte und so wesentlich geprägte Werk der „Licht-Klause“ und der „Come in Peace“, ein von ihr choreografierter Gebärdentanz und „Markenzeichen“ des Bibliologs in Österreich, werden uns stets mit ihr verbinden. Am darauffolgenden Tag gab es wiederum die Möglichkeit, Bibliolog in einer neuen, experimentellen Weise zu erleben. Der Bibliolog zur Bibelstelle der Versuchung (Lk 4,5-8), vom Grazer Schlossberg mit Blick auf die darunterliegende Stadt Graz, und jener in der St. Andrä-Kirche, einer Kirche, in der die Verbindung von zeitgenössischer Kunst und spirituellem Raum im Vordergrund steht, werden mir wohl ewig in Erinnerung bleiben … („Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Geschwister, nimmst aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahr?“ … Lk 6,41f.)

Die Erfahrung mit diesem Symposium ermutigte uns, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. So lud die Wiener Regionalgruppe zwei Jahre später zu einem weiteren Regionaltag ein. Als Motto wählten wir „Encounter“ – Begegnung. Wir luden ein zu Begegnung mit Bibliolog, mit KollegInnen, mit der Stadt Wien, mit Menschen anderer Kulturen und mit dem Judentum. Bewusst wollten wir unseren älteren Glaubensgeschwistern Raum geben und uns auch mit dem Midrasch beschäftigen, der ja als Wiege des Bibliologs gilt. Für alle, die bereits am ersten Tag angereist waren, gab es die Möglichkeit, an einer hochinteressanten Führung durch das jüdische Wien teilzunehmen und der wechselvollen Geschichte des Judentums in Wien nachzuspüren. Am darauffolgenden Tag brachte uns eine jüdische Wissenschaftlerin und Fachfrau ihre Sicht und Definition von Midrasch nahe. Ein von iranisch/irakischen Asylbewerberinnen gekochtes Mittagessen ermöglichte uns außerdem eine Begegnung mit den Menschen anderer Kulturen. Und selbstverständlich durfte auch der Bibliolog selber nicht zu kurz kommen. Zwei Bibliologe, einer davon, naheliegend, mit Encounter sowie ein angeregter Austausch über die eigene bibliologische Praxis und Erfahrung hatten an diesem Tag ebenso den ihnen zustehenden bedeutsamen Platz.

Für das kommende Jahr ist wieder ein Regionaltag angedacht, diesmal im Westen Österreichs. Wir sind schon freudig gespannt, was uns dort erwarten wird. Die detaillierte Schilderung unserer Erfahrungen will ermutigen, sich selber auf neue bibliologische Wege zu begeben, um erweiterte Begegnung und Austausch von BibliologInnen untereinander zu ermöglichen. Aus unserer Sicht hat sich ein Zeitrahmen bewährt, der auch BibliologInnen, die einen längeren Anfahrtsweg haben, die Möglichkeit gibt teilzunehmen und den Raum für thematische Auseinandersetzungen eröffnet, für die ein Abend in der Peergruppe nicht ausreicht. Auch wenn sich naturgemäß eher Teilnehmende aus der näheren Umgebung angesprochen fühlen, erlebe ich Begegnung mit KollegInnen, die ich selten sehe oder (noch) nicht kenne, sowie Begegnung mit neuen Perspektiven oder bibliologischen Zugangsweisen immer als bereichernd. Eine solide Vorbereitung ist aufwändig, aber sie lohnt sich auf jeden Fall. „Have fun“ beim Ausloten eurer eigenen Möglichkeiten!