Nachruf Ulrike Stroh

Ende August erreichte uns die traurige Nachricht, dass Ulrike Stroh gestorben ist. Ulrike hat mit mir gemeinsam 2005 den Grundkurs in Graz bei Uta Pohl-Patalong absolviert, die uns ermutigte, mit Bibliolog in Österreich zu beginnen. Ulrike hatte mir in diesem Zusammenhang den Vorschlag gemacht, einen Kurs in der Licht-Klause, dem von ihr und ihrem Mann Heinz geschaffenen Haus für Meditation und Bibelgespräch, zu organisieren. 2007 war es nach einigen zuvor gemeinsam angebotenen Schnupperkursen soweit: Ulrike und ich leiteten gemeinsam den ersten Grundkurs in Österreich.

Mit der Ausbildung von Bibliologleiterinnen und -leitern in der Licht-Klause zu beginnen, bedeutete, dass dieser kreative Zugang zu biblischen Texten sich an einem besonderen Ort offener Spiritualität und innerer Freiheit entfalten konnte. Viele Jahre hindurch hat der Bibliolog in der Licht-Klause Heimat gefunden und ist nach wie vor mit ihr verbunden. Ulrike hat als Trainerin des Anfangs den Bibliolog und sein Wurzelschlagen in Österreich mit besonderen Begabungen bereichert. Sie hat mit ihrer unverwechselbaren Haltung Klarheit, Entschiedenheit und Konsequenz, Humor und Spritzigkeit, aber auch Sanftmut, Vertrauen und eine große Gelassenheit walten lassen, wenn es um Ausbildungsfragen ging. Bedeutsam und einzigartig war aber ihre spirituelle Grundhaltung mit der sie sich dem Bibliolog zuwandte und durch die es ihr gelang, Menschen, Texte und Gott gemeinsam in der Begegnung zum Klingen zu bringen.

Wir werden sie vermissen: innerhalb der Bibliolog-Szene, in der Grazer Peergruppe, als Weggefährtin, Freundin, als eine Frau, die gelebt hat, dass Kraft und Zärtlichkeit, machtvolles Wirken und Hingabe zusammengehen, weil sie zwei Seiten ein und derselben Medaille sind.

Möge sie, so wie es in der Parte zu lesen ist, uns im sanften Wiegen, Klingen, Schwingen und Tönen von der jenseitigen Welt her nahe sein.

von Maria Elisabeth Aigner

Persönliche Erfahrungen mit Online-Bibliologen

Vielfältige Erfahrungen mit Online-Bibliologen – eine Möglichkeit nicht nur in Corona-Zeiten

von Uta Pohl-Patalong und Marianne Bauer

Die Frage der Formate bei Online-Bibliogen ist das eine, die persönlichen Erfahrungen damit das andere. Wir haben Kolleginnen und Kollegen gebeten zu berichten und den Satz zu ergänzen….

„Ein Online-Bibliolog für mich…

 

Bibliolog digital – auf welchen Wegen?

Vielfältige Erfahrungen mit Online-Bibliologen – eine Möglichkeit nicht nur in Corona-Zeiten

von Uta Pohl-Patalong und Marianne Bauer

Corona hat in vielen Bereichen eine große Kreativität freigesetzt, digitale Formen zu entwickeln. Wie die meisten vermutet hatten, ist im digitalen Raum nicht alles möglich und der direkte Kontakt bleibt unersetzlich. Dennoch ließ sich manches plötzlich digital ermöglichen, was vorher unvorstellbar schien – so auch der Bibliolog. Um nicht für Wochen und Monate auf Bibliologe zu verzichten, um Menschen Kontakt miteinander und mit der Bibel zu ermöglichen und um die frei gewordene Zeit für Experimente zu nutzen, wurden verschiedene Formen von „Bibliolog digital“ entwickelt und genutzt. Die Resonanz war teilweise überraschend groß und die Rückmeldungen oft bemerkenswert positiv.

Wir möchten hier einige Formate des Bibliologs in verschiedenen digitalen Medien vorstellen und dies mit Erfahrungen und Hinweisen verbinden. Bewusst verzichten wir dabei auf eine Wertung oder Empfehlung, weil es uns wichtig scheint, erst einmal Erfahrungen zu sammeln, später ist eine Diskussion im Netzwerk dazu sicher sinnvoll. Möglicherweise gibt es weitere und andere digitale Medien für den Bibliolog, die hier noch nicht erfasst sind? Daher die Bitte: Wer ein ganz anderes Format eines digitalen Bibliologs entwickelt hat, möge dies bitte an Uta Pohl-Patalong schicken: upohl-patalong@email.uni-kiel.de – möglichst in dem gleichen Schema, wie die Bibliologe hier dargestellt sind.

 

Format 1: Bibliolog via Zoom und andere Videokonferenz-Tools

entwickelt und durchgeführt z.B. von Frank Muchlinsky, P. Lutz Müller SJ, Marianne Bauer, Walburga Wintergerst und anderen

Medium: Zoom, WebEx, BigBlueButton oder vergleichbare Plattformen
Form: Ablauf prinzipiell wie ein Präsenz-Bibliolog, Varianten möglich
Echoing: in der Regel ja
Interviewing: theoretisch möglich, aber anspruchsvoller als beim Präsenzformat, da es digital viel schwerer einzuschätzen ist, ob die Person weitersprechen möchte.

Regelung, wer sprechen darf:
  • Variante 1: Melden mit der Zoom-Funktion „Hand heben“ oder – bei wenigen Teilnehmer*innen – auch reales Handheben. Die Leitung ruft dann auf, wer sprechen darf. Um nicht mit dem normalen Namen aus der Trance zu führen, kann den Teilnehmer*innen eingangs eine Nummer zugeteilt werden, die sie in ihre für alle sichtbare Zoom-Kennung eintragen und dann „Rebekka 12“ oder „Johannes 3“ aufgerufen werden. Die Kennung wird mit dem deroling wieder zurückgenommen.
  • Variante 2: Die Teilnehmer*innen werden nicht aufgerufen und achten selbst darauf, sich nicht ins Wort zu

Form der Äußerungen: mündlich

Weitere Möglichkeiten:
  • In Gruppen mit mehreren Trainer*innen kann mit einer wechselnden Leitung gearbeitet werden: Der*die Organisator*in liest den Text langsam vor und wer zu einem Vers eine Rolle zuweisen und eine Frage stellen möchte, kann dies
  • Die Hinführung kann mit eingeblendeten Bildern (beispielsweise von einer Wüstenlandschaft) untermalt und dadurch das Hineinkommen in die Trance unterstützt werden. Wichtig ist dabei, diese Bilder so neutral zu wählen, dass nicht weißes Feuer vorweggenommen wird (also keine Personenkonstellationen o.ä.)
  • Wie im analogen Bibliolog kann der Bibliolog über eine Videoplattform durch spirituelle Elemente (Gebet, Lied etc.) gerahmt werden, wenn gewünscht. Auch der Raum der Leitung kann z.B. mit einer brennenden Kerze gestaltet
Tipps:
  • Zugang rechtzeitig vorher schicken und darum bitten, sich ggf. mit der Technik vertraut zu machen. Wenn ein Austausch oder spirituelle Elemente geplant sind, kann der Ablauf an den Zugang zum Konferenzraum angehängt
  • Bei einer größeren Zahl von Teilnehmenden um Stummschaltung bitten – und daran erinnern, die Stummschaltung aufzuheben, wenn man sprechen möchte.
  • Das Tempo kann herausgenommen werden, indem nach jedem oder nach einer gewissen Zahl von Beiträgen mit einer Klangschale ein Moment der Stille eingeführt wird; digitale Bibliologe sind tendenziell schneller, weil das Hintreten zur Person entfällt.
Stärken:
  • Vertrauter Ablauf für Leitung und potenziell auch für Teilnehmende
  • Gemeinsames Erleben „live“
Schwächen:

Wenn Teilnehmende mit der Technik nicht gut zurechtkommen oder die Technik Schwierigkeiten macht, kann es die Trance erheblich stören. Immer wieder gibt es auch Teilnehmende, bei denen Mikro oder Kamera nicht funktionieren. Manchmal gibt es bereits Schwierigkeiten, in den Konferenz-Raum hineinzukommen.

 

Format 2: Bibliolog über WhatsApp

entwickelt und durchgeführt z.B. von Martina und Matthias Hofmann

Medium: WhatsApp oder ein vergleichbarer Messanger (z.B. Ginlo, Threema, Hoccer, Cocuun)
Form: Die Leitung schickt eine Sprachnachricht mit Prolog, Hinführung, den ersten Versen und der ersten Frage in eine vorher eigens dafür eingerichtete WhatsApp-Gruppe. Die Teilnehmenden antworten in ihrem eigenen Tempo entweder schriftlich oder ebenfalls mit einer Sprachnachricht. Wenn nichts mehr kommt, schickt die Leitung die nächste Sprachnachricht mit dem Shift zur nächsten Rolle, den nächsten Versen, der Rollenzuweisung und Frage, usw.
Echoing: nicht möglich, da die Äußerungen gleichzeitig erfolgen
Interviewing: ebenfalls nicht möglich

Regelung, wer sprechen darf: Nicht nötig, weil alle gleichzeitig antworten können.

Aufrufen der Teilnehmenden: nicht nötig

Form der Äußerungen: mündlich oder schriftlich

Tipps: Die Äußerungen möglicherweise doch auf die schriftliche Variante begrenzen, damit man besser folgen kann.

Stärken: Für die Leitung ist es relativ entspannt, weil sie ihren Part vorher genau planen kann.

Schwächen: Die Fülle der Äußerungen kann unübersichtlich werden und Stress erzeugen.

 

Format 3: Asynchroner Bibliolog über eine Plattform

entwickelt und durchgeführt z.B. von Antonia Lüdtke

Medium: Lernplattform wie z.B. Moodle, OLAT etc.

Form: Die Leitung stellt Prolog, Hinführung, die Verse, die Rollenzuweisungen und die Fragen schriftlich ein. Die Teilnehmenden antworten innerhalb eines vorher definierten Zeitraums ebenfalls schriftlich, wann immer sie möchten.

Echoing: nicht möglich

Interviewing: ebenfalls nicht möglich

Regelung, wer sprechen darf: entfällt, weil die Äußerungen zeitlich versetzt geschrieben werden.

Form der Äußerungen: schriftlich

Tipps:
  •  Verschiedene Layoutoptionen (Hintergrundfarben, Schriftarten, Abstände, Einrückungen, Fett- bzw. Kursivsetzung etc.) erleichtern es, schwarzes und weißes Feuer zu unterscheiden und die verschiedenen Phasen des Bibliologs und die unterschiedlichen Rollenangebote „dynamischer“ abzubilden.
  • Bei einem längeren Zeitraum kann an bald endende Rollenangebote durch eine allgemeine Benachrichtigung auf der entsprechenden Plattform erinnert
  • Die Hinführung und enrolings müssen besonders eindrücklich und mit starken Bildern gestaltet werde, da die trance ja immer wieder unterbrochen
Stärken:
  • entspannt für Leitung und Teilnehmende
  • leichter Erstzugang zum Bibliolog
  • portables Ergebnis – also ein Bibliolog „to go“, den man immer wieder für sich beim erneuten Durchlesen erleben könnte
  • stärkere Verbindung mit dem Alltag: Da man Stunden oder auch Tage Zeit hat, auf ein Rollenangebot zu reagieren, nimmt man das Bibliologgeschehen mit in den Alltag als Reflexionsimpuls. Das Bibelwort und das entstehende weiße Feuer können bewusst und unbewusst immer wieder zur Reflexion anregen bzw. Prozesse begleiten, initiieren
  • Wem ein normaler Bibliolog manchmal zu schnell geht für eine eigene Wortmeldung, hat mehr Zeit zum Finden eigener Worte.
Schwächen:

Die Trance ist schwer herzustellen und zu halten, der gemeinsame Raum fehlt.

 

Weitere Ideen?

Möglicherweise gibt es weitere und andere digitale Medien für den Bibliolog, die hier noch nicht erfasst sind? Daher die Bitte: Wer ein ganz anderes Format eines digitalen Bibliologs entwickelt hat, möge dies bitte an Uta Pohl-Patalong schicken: upohl-patalong@email.uni-kiel.de – möglichst in dem gleichen Schema, wie die Bibliologe hier dargestellt sind.

Auch persönliche Erfahrungsberichte sind willkommen. Die ersten haben wir hier zusammengestellt.

 

Von den Anfängen des Bibliologs in Indien

„Bibliolog in Indien… du kannst nicht damit rechnen, dass da groß etwas kommt. Die Menschen dort sind so an frontale Situationen gewöhnt, dass sie kaum selbst etwas zur Bibel sagen werden.“ So oder ähnlich war ich wohlmeinend öfter gewarnt worden, wenn es um Überlegungen zum Bibliolog in Indien ging. Diese lagen mir aufgrund meiner Familiengeschichte lange am Herzen, unsere Urgroßeltern waren in Indien in der Mission tätig. Anfang des Jahres, kurz vor dem Corona-Lockdown, hatte ich die Chance, endlich einmal Bibliolog in Indien auszuprobieren. Gemeinsam mit meiner Schwester Maike Lauther-Pohl war ich mit einer Frauendelegation der Nordkirche in der Jeypore-Kirche, die sich im Rahmen des Projekts „Women on the move“ mit indischen haupt- und ehrenamtlich engagierten Frauen der Jeypore- und auch der Assam-Kirche traf. Zunächst hatte ich überlegt, bei einem der beiden großen „stree melas“, einem Treffen einiger hundert Frauen aus vielen Dörfern, einen Bibliolog zu machen; dies schien mir dann aber für einen ersten Versuch zu komplex und unübersichtlich. Daher fand der Bibliolog im Rahmen des Seminars mit den ca. 25 delegierten indischen und deutschen Frauen statt. Eine indische Pastorin übersetzte Prolog, Hinführung und die Fragen aus dem Englischen in Odiya und die Teilnehmerinnen konnten entweder Englisch oder Odiya sprechen, was dann jeweils übersetzt wurde, bevor ich es auf Englisch im Echoing wiedergab. Als Text hatte ich die Erzählung von Maria und Martha (Lukas 10,38-42) gewählt, weil mir darin gute Identifikationsmöglichkeiten für die indischen Frauen zu liegen schienen.

Die Hinführung führte in die Situation des Dorfes hinein, in dem seit einer Weile schon immer wieder von einem Jesus die Rede ist, der mit einer Gruppe von Frauen und Männern durch das Land zieht, vom Reich Gottes spricht, Ideen verbreitet, wie das Leben sein sollte, und auch heilt und böse Geister austreibt. Nach V.38 „As Jesus and his disciples were on their way, he came to a village where a woman named Martha opened her home to him“ formulierte ich die erste Rolle und Frage: „You are Martha. Martha, what makes you invite Jesus?“ Ich hatte kaum ausgesprochen (geschweige denn, dass übersetzt worden wäre), da meldete sich bereits die erste Teilnehmerin, mit 65 die älteste der Runde, und begann unmittelbar auf Odiya zu sprechen, was dann übersetzt wurde mit: „Hospitality is very important to me. Of course I open my home for Jesus!“ Dies gab ich im echoing wieder und sofort schloss sich die nächste Äußerung an, dann die nächste und wieder die nächste… Eine Scheu, in den biblischen Rollen zu sprechen, war überhaupt nicht zu bemerken, im Gegenteil: Dass sich im Laufe eines Bibliologs mit vier Rollen alle 25 Teilnehmenden beteiligen, habe ich in Europa kaum jemals erlebt. Besonders dicht wurde es noch einmal in der letzten Rolle, als nach Maria und noch einmal Martha eine Freundin der beiden befragt wurde: „You are Susanna, a very good friend to both of the sister. Susanna, you have heard everything that was spoken in the house through an open window. (I’m sure you didn’t mean to eavesdrop, but you have good ears…J) What do you feel in this moment, what is in your heart about the two sisters?“ Manche der Frauen nahmen eher Partei für Maria, andere für Martha, viele aber konnten beide sehr gut verstehen. Kritik an Jesus, wie ich es aus dem deutschen Kontext bei dieser Geschichte oft kenne, wurde nur sehr ansatzweise geäußert, und ich hätte mir auch nicht vorstellen können, Jesus zu befragen. Ansonsten kamen manche Äußerungen, die mir vertraut waren, während bei anderen die deutlich patriarchaleren indischen Lebensverhältnisse spürbar wurden. Vor allem aber wurde durchgehend der sehr viel selbstverständlichere internalisierte Anspruch, das Leben nach christlichen Maßstäben gut zu führen, deutlich, bei dem Versagen und Schuld rasch möglich sind.

Das anschließende Sharing zeigte, dass viele Frauen tief in die Geschichte eingestiegen waren und die ihnen sehr gut bekannte Handlung ganz anders wahrgenommen hatten als sonst. Mehrere zeigten sich bewegt und berührt, so nah an den biblischen Gestalten gewesen zu sein. Und mehrere wünschten sich mehr davon – und wollten es sofort selbst lernen.

Anamika J. Bag Sona, Theologin in der Assam-Kirche, formuliert es so: „It was a great opportunity for me to involve, to expose and to explain the word of God in a new way. For me Bibliolog is an essential und acceptable way to attract people which I strongly believe listeners could keep the teaching of the word of God for long time or it could be set permanent in listeners mind. Further, it is also an excellent way to get deep in mind of young generations and children, who are the future leaders of our church and society.“

Zumindest zum „mehr davon“ ergaben sich ausgerechnet durch Corona rascher als gedacht neue Möglichkeiten. Im Juni bekam ich von Kuntala Naik, einer der Pastorinnen, die die Frauenarbeit in der Jeypore-Kirche organisiert, eine WhatsApp mit der Frage, ob ich mir einen Bibliolog über Zoom vorstellen könnte. Das sagte ich natürlich gerne zu. Nach einigen organisatorischen Schwierigkeiten fand dieser dann Ende Juli statt, mit acht „lady pastors“, wie die (immer noch wenigen) Pastorinnen der Jeypore- und der Assam-Kirche genannt werden. Ihre ohnehin sehr anstrengende Lebenssituation zwischen 200%igem Einsatz für die Gemeinden, mit dem sie ihre Tauglichkeit für diesen Beruf unter Beweis stellen und der vollen Haus- und Familienarbeit wird gegenwärtig durch die dort sehr angespannte Corona-Situation noch verschärft, so dass ich gebeten wurde, das „spiritual nourishment“ besonders im Blick zu haben. Da lag natürlich Psalm 23 nahe. Gleich bei der ersten Frage Soul, how does it feel to be so refreshed? What is it like to be grazed in a green meadow and be led to fresh water?“ wurde deutlich, wie wichtig es für die Frauen ist, die permanent geben, etwas zu bekommen. Während ich ansonsten gerne die Situation des bereiteten Tisches aus V.5 in der Perspektive des „Feindes“ erleben lasse, habe ich hier deshalb auch die Rolle der am Tisch sitzenden Person gewählt. Nachdem die Beteiligung aber auch in diesem Bibliolog rege und lebendig war, habe ich dann anschließend noch einmal in die Perspektive des darauf blickenden „Feindes“ eingeladen – und auch dies war gut möglich. Bei dem Bibliolog über Zoom habe ich auf das echoing verzichtet, weil das mit der Übersetzung zwischen Englisch und Odiya dann vermutlich endgültig aus der Trance geholt hätte. Technisch ergaben sich bei diesem Bibliolog außer dem Totalausfall fast alle denkbaren Probleme: schlechte Verbindungen, Rauschen, prasselnder Regen auf Blechdächern, ins Bild laufende Kinder und Männer, einzelne flogen bei Zoom raus und kamen wieder rein, jeweils nach 40 min mussten sich alle wieder neu einwählen. Noch vor einigen Monaten wäre ich sicher gewesen, dass unter diesen Umständen eine Trance nicht möglich ist. Erstaunlicherweise tat all dies der Dichte und Intensität der Begegnung mit dem Psalm keinen Abbruch. Wenn Bibliolog unter diesen Umständen nicht nur möglich, sondern auch so dicht sein kann, kann ich mir schwer Umstände vorstellen, unter denen er nicht geht.

Wir haben verabredet, alle sechs bis acht Wochen einen Bibliolog über Zoom zu machen, zumindest bis es dort den ersten Kurs gibt. Einen solchen haben meine Schwester, die ebenfalls Bibliolog-Trainerin ist, und ich mit Unterstützung der Nordkirche für Anfang 2022 ins Auge gefasst – in der großen Hoffnung, dass die Corona-Lage dies dann zulässt. Das Interesse ist ausgesprochen groß, den Gemeinden auf diese Weise die Bibel unmittelbar und lebendig so zugänglich zu machen, dass sie sie selbst auslegen und nicht nur der Auslegung der Ordinierten zuhören.

Kuntala Naik drückt es so aus: „I feel Bibliolog is a very good model because normally in bible study we just listen to the resource person and answer a few questions if the resource person or facilitator asks. Bibliolog gives me the space to be creative and it takes me into the text. It connects me personally with the text, allows me to be the character and helps me to understand the text and context. It also helps me to reflect on the text in my own personal life.“

Für uns ist dies eine sehr besondere Konstellation. Ende des 19. Jh. hat unser Urgroßvater zusammen mit seinem Kollegen unter den kastenlosen „Dalits“ in dieser Region als erster von einem Gott gesprochen, der Menschen nicht nach ihrem (Kasten- und Geschlechter-)Status bewertet, sondern jedem Menschen unverlierbare Würde zuspricht. Wie wichtig dies für das Lebensgefühl von Christ*innen in Indien bis heute ist und wie sehr sie die Mission damals deshalb schätzen, weil sie Freiheit und Selbstbewusstsein auf sie zurückführen, habe ich dort erst gelernt – und es hat meine missionskritische Perspektive und auch meine Schwierigkeiten mit meiner diesbezüglichen Familiengeschichte sehr verändert. Wenn wir nun 140 Jahre später mit dem Bibliolog eine im 19. Jh. begonnene Linie von Empowerment im Namen des Evangeliums weiterführen dürfen, ist das besonders und wirklich bewegend.

„An anderen Orten“ – Regionaltage in Österreich

Als wir in Österreich 2017 ein Bibliologsymposium anlässlich des 10jährigen Bestehens des Bibliologs in Österreich begingen, legten wir damit auch den Grundstein für eine neue Form der Begegnung österreichischer BibliologInnen untereinander. Da die Vertiefungstage der ersten bibliologischen Jahre nicht so angenommen worden waren wie gedacht und erhofft, überlegten wir eine innovative Form der Begegnung, die gegenwärtig möglicherweise näher an der Lebenswirklichkeit ist. Nachdem wir 2015 erstmals ein Symposium mit Übernachtung erprobt hatten, das gut angenommen worden war, festigten wir 2017 anlässlich des Jubiläums diese neue Art von Treffen. Wir weiteten den Zeitrahmen auf eineinhalb Tage aus, mit der Option, auch nur an einem Tag teilzunehmen. Die Übernachtungsmöglichkeit sollte auch jenen BibliologInnen, die von weiter weg anreisten, die Möglichkeit geben, an einem Regionaltag teilzunehmen, KollegInnen zu begegnen, sich mit ihnen auszutauschen und miteinander Bibliolog zu erleben sowie Neues zu erproben. Ein Leitthema sollte uns durch diese eineinhalb Tage begleiten.

2017 wählten wir das Motto „An anderen Orten“. Von einem Ort zum anderen wollten wir gehen, um miteinander Bibliolog zu erleben, ihn zu würdigen und ihn mit unserer Lebenswirklichkeit zu verknüpfen. Wir begannen unseren Erinnerungsweg an 10 Jahre Bibliolog in der „Licht-Klause“, einem wunderbaren, von Ulrike und Heinz Stroh in der Nähe von Graz erdachten und erbauten Haus für Meditation und Bibelgespräch. Ulrike, Bibliologin der ersten Stunde und Mitbegründerin des Bibliologs in Österreich, hat uns vor kurzem für immer verlassen, aber das von ihr initiierte und so wesentlich geprägte Werk der „Licht-Klause“ und der „Come in Peace“, ein von ihr choreografierter Gebärdentanz und „Markenzeichen“ des Bibliologs in Österreich, werden uns stets mit ihr verbinden. Am darauffolgenden Tag gab es wiederum die Möglichkeit, Bibliolog in einer neuen, experimentellen Weise zu erleben. Der Bibliolog zur Bibelstelle der Versuchung (Lk 4,5-8), vom Grazer Schlossberg mit Blick auf die darunterliegende Stadt Graz, und jener in der St. Andrä-Kirche, einer Kirche, in der die Verbindung von zeitgenössischer Kunst und spirituellem Raum im Vordergrund steht, werden mir wohl ewig in Erinnerung bleiben … („Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Geschwister, nimmst aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahr?“ … Lk 6,41f.)

Die Erfahrung mit diesem Symposium ermutigte uns, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. So lud die Wiener Regionalgruppe zwei Jahre später zu einem weiteren Regionaltag ein. Als Motto wählten wir „Encounter“ – Begegnung. Wir luden ein zu Begegnung mit Bibliolog, mit KollegInnen, mit der Stadt Wien, mit Menschen anderer Kulturen und mit dem Judentum. Bewusst wollten wir unseren älteren Glaubensgeschwistern Raum geben und uns auch mit dem Midrasch beschäftigen, der ja als Wiege des Bibliologs gilt. Für alle, die bereits am ersten Tag angereist waren, gab es die Möglichkeit, an einer hochinteressanten Führung durch das jüdische Wien teilzunehmen und der wechselvollen Geschichte des Judentums in Wien nachzuspüren. Am darauffolgenden Tag brachte uns eine jüdische Wissenschaftlerin und Fachfrau ihre Sicht und Definition von Midrasch nahe. Ein von iranisch/irakischen Asylbewerberinnen gekochtes Mittagessen ermöglichte uns außerdem eine Begegnung mit den Menschen anderer Kulturen. Und selbstverständlich durfte auch der Bibliolog selber nicht zu kurz kommen. Zwei Bibliologe, einer davon, naheliegend, mit Encounter sowie ein angeregter Austausch über die eigene bibliologische Praxis und Erfahrung hatten an diesem Tag ebenso den ihnen zustehenden bedeutsamen Platz.

Für das kommende Jahr ist wieder ein Regionaltag angedacht, diesmal im Westen Österreichs. Wir sind schon freudig gespannt, was uns dort erwarten wird. Die detaillierte Schilderung unserer Erfahrungen will ermutigen, sich selber auf neue bibliologische Wege zu begeben, um erweiterte Begegnung und Austausch von BibliologInnen untereinander zu ermöglichen. Aus unserer Sicht hat sich ein Zeitrahmen bewährt, der auch BibliologInnen, die einen längeren Anfahrtsweg haben, die Möglichkeit gibt teilzunehmen und den Raum für thematische Auseinandersetzungen eröffnet, für die ein Abend in der Peergruppe nicht ausreicht. Auch wenn sich naturgemäß eher Teilnehmende aus der näheren Umgebung angesprochen fühlen, erlebe ich Begegnung mit KollegInnen, die ich selten sehe oder (noch) nicht kenne, sowie Begegnung mit neuen Perspektiven oder bibliologischen Zugangsweisen immer als bereichernd. Eine solide Vorbereitung ist aufwändig, aber sie lohnt sich auf jeden Fall. „Have fun“ beim Ausloten eurer eigenen Möglichkeiten!

 

   

Theologie in Midrasch und Bibliolog

Auch die Entwicklung der theologischen Überlegungen zum Bibliolog gehen beständig weiter. Alexander Deeg und Uta Pohl-Patalong haben sich in einem Aufsatz (erschienen in Praktische Theologie Jg.55, 2020) mit der Frage beschäftigt, ob und in welcher Weise im Bibliolog und im Midrasch eigentlich Theologie betrieben wird und zeigen dies am Beispiel der Hebammengeschichte (Ex 1,15-21).

Aufsatz als pdf

Zurück zu mir – Gedanken zum de-roling

Mit der Hinführung öffnet sich für die Teilnehmenden eines Bibliologs die Tür in die biblische Geschichte. Ein ebenso wichtiges, oft jedoch unterschätztes und unscheinbares Ritual, ist der Weg zurück in die Gegenwart und zu jeder und jedem selbst.

Mit dem Dank an die biblischen Personen und die Teilnehmenden des Bibliologs ist zugleich das Ablegen der biblischen Rollen verbunden. Dadurch bietet sich die Möglichkeit für jede/n Einzelne/n, wahrzunehmen, was sie oder ihn persönlich bewegt. Lesen Sie hier mehr darüber, wie dies gut gelingen kann.

Unser Buchtipp: Innere Ruhe finden mit biblischen Worten

Wie laut sind eigentlich das Tohuwabohu und der Geist Gottes über den Wassern? Wie hört sich völlige Stille an? Welche Geräusche macht ein gestilltes Kind?

In ihrem Buch „Vom Segen der Stille“ nimmt Katrin Brockmöller ihrer Leser/innen mit auf eine biblische Klangreise und lädt ein, der eigenen Sehnsucht nach Ruhe und Frieden zu folgen, die Stille als Zeichen der Gegenwart Gottes und Weg der Gotteserfahrung (neu) zu entdecken. „Mein Buch ist eine Frucht aus vielen, vielen biblischen Seminaren, nicht nur mit Bibliolog, aber natürlich auch“ sagt sie. Das Buch eignet sich als Begleitung in Exerzitien oder einfach für ruhige Momente zwischendurch.

Hier geht’s zur Verlagsseite mit weiteren Informationen und einer Leseprobe.

„Schaut hin“ (Markus 6,38) – 3. Ökumenischer Kirchentag in Frankfurt am Main

Das Leitwort des 3. Ökumenischen Kirchentages, der vom 12. bis 16. Mai 2021 in Frankfurt stattfinden wird, klingt wie geschaffen für Bibliologinnen und Bibliologen: Schaut hin! Schaut genau hin – allein und zusammen in der Gruppe – was ein biblischer Text wirklich erzählt. Werdet aufmerksam für kleine Worte, für Lücken oder Stolpersteine und öffnet euch für neue Entdeckungen und andere Perspektiven.

Gemeinsam mit der Gesellschaft für Bibliodrama soll es deshalb das „Zentrum Bibliodrama / Bibliolog / Bibeltheater“ geben. Das Bibliolog-Netzwerk International informiert über weitere Ideen und Entwicklungen. Erste Infos finden sich auf der Homepage des Kirchentages.

Bibliolog in Brasilien

„Eine großartige Methode, um die Heilige Schrift zu leben“ sagt ein Pfarrer am Ende des Grundkurses in Brasilien und ein anderer meint: „Der Bibliolog lehrt Gleichheit, Respekt und Toleranz. Ich habe sicher gelernt, mehr zuzuhören und weniger zu reden.“ Eine Theologiestudentin schreibt als Feedback: „Der
Bibliolog hat es mir ermöglicht, Spiritualität auf eine ganz andere und auffallende Weise zu erleben. Es hat meine Art, einen biblischen Text zu lesen, verändert. Es ist eine unglaublich befreiende Methode, unendlich nah am Leben.“

Seit 16 Monaten wird Bibliolog in Brasilien mit großem Erfolg praktiziert und gelehrt. Lesen Sie mehr zur Einführung des Bibliologs in Brasilien, mit vielen Stimmen von Teilnehmenden, eingesammelt und aufgezeichnet von Jandir Sossmeier und Adriane Dalferth Sossmeier, den ersten beiden Bibliolog-Trainer/innen in und aus Brasilien.