„Schaut hin“ (Markus 6,38) – 3.Ökumenischer Kirchentag in Frankfurt am Main

Vieles wird anders sein beim 3. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai 2021 in Frankfurt als erhofft: Fernsehgottesdienste, digitale Foren, Vorträge und Bibelarbeiten statt buntem Gewimmel, zahlreichen Workshops und einem großen Fest der Begegnung. Auch die Bibliolog- und Bibliodrama-Angebote sind davon betroffen. Sie konnten im neuen Programm nicht berücksichtigt werden. Stattdessen lädt der ÖKT Gemeinden und Gruppen ein, kreativ zu werden und am Himmelfahrts-Wochenende eigene Angebote zu entwickeln. Vielleicht eine Chance auf diese Weise selbst aktiv zu werden. Mehr dazu findet sich unter www.oekt.de.

leben teilen – 102. Deutscher Katholikentag Stuttgart 2022

Trotz Corona-Pandemie soll der 102. Katholikentag vom 25. bis 29. Mai 2022 in Stuttgart stattfinden, auch wenn noch nicht genau feststeht, wie und in welcher Form. Mit viel Hoffnung und Vorfreude sind die Organisatoren derzeit mit den ersten Programmplanungen beschäftigt, bei dem auch Bibliolog-Angebote eine Rolle spielen sollen. Wer Interesse hat, sich zu beteiligen und einen Bibliolog-Workshop zu leiten, kann sich an marianne.bauer@erzbistum-koeln.de werden. Weitere Infos zum Katholikentag gibt es auf den offiziellen Seiten.

Sieben Wochen Bibliolog – Ein Erlebnisbericht und einige Einsichten zu einem Online-Großprojekt

Immer wieder freitags – es war ein eindrückliches Experiment bei der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche „Sieben Wochen ohne“: 250 Teilnehmende aus ganz Deutschland und aller Welt erlebten Woche für Woche einen Bibliolog. Frank Muchlinsky erzählt in seinem Bericht auf der Bibliolog-Homepage von dieser besonderen Aktion und seinen Erkenntnissen dazu.

Bibliolog on- and outline: Ein Zwischenruf aus Österreich

von Maria Elisabeth Aigner

„Covid-19 und die damit in Zusammenhang stehenden epidemiologischen Anordnungen haben die Situation der Menschen auf allen Kontinenten und in allen Ländern der Welt im letzten Jahr auf den Kopf gestellt. (…) Covid-19 hat auch den Bibliolog getroffen.“

Maria Elisabeth Aigner beleuchtet in ihrem Beitrag auf der Bibliolog-Homepage die vielfältigen Erfahrungen des letzten Jahres, vor allem auch im Blick auf digitale Möglichkeiten und fragt, wohin der Bibliolog sich entwickeln soll oder kann und was dies für das Netzwerk bedeutet.

„Es geht ausgezeichnet“ – Bibliolog im Studium

von Uta Pohl-Patalong, Jessika Gude, von Lisa Triebel, Katharina von Hering und Daria Grzywacz

Wie erleben Studierende Bibliolog im Rahmen ihres Studiums, wie fördert oder verändert er ihr theologisches Denken und Arbeiten, welche Entdeckungen nehmen sie für sich aus der Bibliolog-Arbeit mit? Vier Studierende der Uni Kiel und Uta Pohl-Patalong erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen mit und nach dem Bibliolog-Grundkurs. Lest hier mehr …

Persönliche Erfahrungen mit Online-Bibliologen

Vielfältige Erfahrungen mit Online-Bibliologen – eine Möglichkeit nicht nur in Corona-Zeiten

von Uta Pohl-Patalong und Marianne Bauer

Die Frage der Formate bei Online-Bibliogen ist das eine, die persönlichen Erfahrungen damit das andere. Wir haben Kolleginnen und Kollegen gebeten zu berichten und den Satz zu ergänzen….

„Ein Online-Bibliolog für mich…

 

Bibliolog digital – auf welchen Wegen?

Vielfältige Erfahrungen mit Online-Bibliologen – eine Möglichkeit nicht nur in Corona-Zeiten

von Uta Pohl-Patalong und Marianne Bauer

Corona hat in vielen Bereichen eine große Kreativität freigesetzt, digitale Formen zu entwickeln. Wie die meisten vermutet hatten, ist im digitalen Raum nicht alles möglich und der direkte Kontakt bleibt unersetzlich. Dennoch ließ sich manches plötzlich digital ermöglichen, was vorher unvorstellbar schien – so auch der Bibliolog. Um nicht für Wochen und Monate auf Bibliologe zu verzichten, um Menschen Kontakt miteinander und mit der Bibel zu ermöglichen und um die frei gewordene Zeit für Experimente zu nutzen, wurden verschiedene Formen von „Bibliolog digital“ entwickelt und genutzt. Die Resonanz war teilweise überraschend groß und die Rückmeldungen oft bemerkenswert positiv.

Wir möchten hier einige Formate des Bibliologs in verschiedenen digitalen Medien vorstellen und dies mit Erfahrungen und Hinweisen verbinden. Bewusst verzichten wir dabei auf eine Wertung oder Empfehlung, weil es uns wichtig scheint, erst einmal Erfahrungen zu sammeln, später ist eine Diskussion im Netzwerk dazu sicher sinnvoll. Möglicherweise gibt es weitere und andere digitale Medien für den Bibliolog, die hier noch nicht erfasst sind? Daher die Bitte: Wer ein ganz anderes Format eines digitalen Bibliologs entwickelt hat, möge dies bitte an Uta Pohl-Patalong schicken: upohl-patalong@email.uni-kiel.de – möglichst in dem gleichen Schema, wie die Bibliologe hier dargestellt sind.

 

Format 1: Bibliolog via Zoom und andere Videokonferenz-Tools

entwickelt und durchgeführt z.B. von Frank Muchlinsky, P. Lutz Müller SJ, Marianne Bauer, Walburga Wintergerst und anderen

Medium: Zoom, WebEx, BigBlueButton oder vergleichbare Plattformen
Form: Ablauf prinzipiell wie ein Präsenz-Bibliolog, Varianten möglich
Echoing: in der Regel ja
Interviewing: theoretisch möglich, aber anspruchsvoller als beim Präsenzformat, da es digital viel schwerer einzuschätzen ist, ob die Person weitersprechen möchte.

Regelung, wer sprechen darf:
  • Variante 1: Melden mit der Zoom-Funktion „Hand heben“ oder – bei wenigen Teilnehmer*innen – auch reales Handheben. Die Leitung ruft dann auf, wer sprechen darf. Um nicht mit dem normalen Namen aus der Trance zu führen, kann den Teilnehmer*innen eingangs eine Nummer zugeteilt werden, die sie in ihre für alle sichtbare Zoom-Kennung eintragen und dann „Rebekka 12“ oder „Johannes 3“ aufgerufen werden. Die Kennung wird mit dem deroling wieder zurückgenommen.
  • Variante 2: Die Teilnehmer*innen werden nicht aufgerufen und achten selbst darauf, sich nicht ins Wort zu

Form der Äußerungen: mündlich

Weitere Möglichkeiten:
  • In Gruppen mit mehreren Trainer*innen kann mit einer wechselnden Leitung gearbeitet werden: Der*die Organisator*in liest den Text langsam vor und wer zu einem Vers eine Rolle zuweisen und eine Frage stellen möchte, kann dies
  • Die Hinführung kann mit eingeblendeten Bildern (beispielsweise von einer Wüstenlandschaft) untermalt und dadurch das Hineinkommen in die Trance unterstützt werden. Wichtig ist dabei, diese Bilder so neutral zu wählen, dass nicht weißes Feuer vorweggenommen wird (also keine Personenkonstellationen o.ä.)
  • Wie im analogen Bibliolog kann der Bibliolog über eine Videoplattform durch spirituelle Elemente (Gebet, Lied etc.) gerahmt werden, wenn gewünscht. Auch der Raum der Leitung kann z.B. mit einer brennenden Kerze gestaltet
Tipps:
  • Zugang rechtzeitig vorher schicken und darum bitten, sich ggf. mit der Technik vertraut zu machen. Wenn ein Austausch oder spirituelle Elemente geplant sind, kann der Ablauf an den Zugang zum Konferenzraum angehängt
  • Bei einer größeren Zahl von Teilnehmenden um Stummschaltung bitten – und daran erinnern, die Stummschaltung aufzuheben, wenn man sprechen möchte.
  • Das Tempo kann herausgenommen werden, indem nach jedem oder nach einer gewissen Zahl von Beiträgen mit einer Klangschale ein Moment der Stille eingeführt wird; digitale Bibliologe sind tendenziell schneller, weil das Hintreten zur Person entfällt.
Stärken:
  • Vertrauter Ablauf für Leitung und potenziell auch für Teilnehmende
  • Gemeinsames Erleben „live“
Schwächen:

Wenn Teilnehmende mit der Technik nicht gut zurechtkommen oder die Technik Schwierigkeiten macht, kann es die Trance erheblich stören. Immer wieder gibt es auch Teilnehmende, bei denen Mikro oder Kamera nicht funktionieren. Manchmal gibt es bereits Schwierigkeiten, in den Konferenz-Raum hineinzukommen.

 

Format 2: Bibliolog über WhatsApp

entwickelt und durchgeführt z.B. von Martina und Matthias Hofmann

Medium: WhatsApp oder ein vergleichbarer Messanger (z.B. Ginlo, Threema, Hoccer, Cocuun)
Form: Die Leitung schickt eine Sprachnachricht mit Prolog, Hinführung, den ersten Versen und der ersten Frage in eine vorher eigens dafür eingerichtete WhatsApp-Gruppe. Die Teilnehmenden antworten in ihrem eigenen Tempo entweder schriftlich oder ebenfalls mit einer Sprachnachricht. Wenn nichts mehr kommt, schickt die Leitung die nächste Sprachnachricht mit dem Shift zur nächsten Rolle, den nächsten Versen, der Rollenzuweisung und Frage, usw.
Echoing: nicht möglich, da die Äußerungen gleichzeitig erfolgen
Interviewing: ebenfalls nicht möglich

Regelung, wer sprechen darf: Nicht nötig, weil alle gleichzeitig antworten können.

Aufrufen der Teilnehmenden: nicht nötig

Form der Äußerungen: mündlich oder schriftlich

Tipps: Die Äußerungen möglicherweise doch auf die schriftliche Variante begrenzen, damit man besser folgen kann.

Stärken: Für die Leitung ist es relativ entspannt, weil sie ihren Part vorher genau planen kann.

Schwächen: Die Fülle der Äußerungen kann unübersichtlich werden und Stress erzeugen.

 

Format 3: Asynchroner Bibliolog über eine Plattform

entwickelt und durchgeführt z.B. von Antonia Lüdtke

Medium: Lernplattform wie z.B. Moodle, OLAT etc.

Form: Die Leitung stellt Prolog, Hinführung, die Verse, die Rollenzuweisungen und die Fragen schriftlich ein. Die Teilnehmenden antworten innerhalb eines vorher definierten Zeitraums ebenfalls schriftlich, wann immer sie möchten.

Echoing: nicht möglich

Interviewing: ebenfalls nicht möglich

Regelung, wer sprechen darf: entfällt, weil die Äußerungen zeitlich versetzt geschrieben werden.

Form der Äußerungen: schriftlich

Tipps:
  •  Verschiedene Layoutoptionen (Hintergrundfarben, Schriftarten, Abstände, Einrückungen, Fett- bzw. Kursivsetzung etc.) erleichtern es, schwarzes und weißes Feuer zu unterscheiden und die verschiedenen Phasen des Bibliologs und die unterschiedlichen Rollenangebote „dynamischer“ abzubilden.
  • Bei einem längeren Zeitraum kann an bald endende Rollenangebote durch eine allgemeine Benachrichtigung auf der entsprechenden Plattform erinnert
  • Die Hinführung und enrolings müssen besonders eindrücklich und mit starken Bildern gestaltet werde, da die trance ja immer wieder unterbrochen
Stärken:
  • entspannt für Leitung und Teilnehmende
  • leichter Erstzugang zum Bibliolog
  • portables Ergebnis – also ein Bibliolog „to go“, den man immer wieder für sich beim erneuten Durchlesen erleben könnte
  • stärkere Verbindung mit dem Alltag: Da man Stunden oder auch Tage Zeit hat, auf ein Rollenangebot zu reagieren, nimmt man das Bibliologgeschehen mit in den Alltag als Reflexionsimpuls. Das Bibelwort und das entstehende weiße Feuer können bewusst und unbewusst immer wieder zur Reflexion anregen bzw. Prozesse begleiten, initiieren
  • Wem ein normaler Bibliolog manchmal zu schnell geht für eine eigene Wortmeldung, hat mehr Zeit zum Finden eigener Worte.
Schwächen:

Die Trance ist schwer herzustellen und zu halten, der gemeinsame Raum fehlt.

 

Weitere Ideen?

Möglicherweise gibt es weitere und andere digitale Medien für den Bibliolog, die hier noch nicht erfasst sind? Daher die Bitte: Wer ein ganz anderes Format eines digitalen Bibliologs entwickelt hat, möge dies bitte an Uta Pohl-Patalong schicken: upohl-patalong@email.uni-kiel.de – möglichst in dem gleichen Schema, wie die Bibliologe hier dargestellt sind.

Auch persönliche Erfahrungsberichte sind willkommen. Die ersten haben wir hier zusammengestellt.

 

Von den Anfängen des Bibliologs in Indien

„Bibliolog in Indien… du kannst nicht damit rechnen, dass da groß etwas kommt. Die Menschen dort sind so an frontale Situationen gewöhnt, dass sie kaum selbst etwas zur Bibel sagen werden.“ So oder ähnlich war ich wohlmeinend öfter gewarnt worden, wenn es um Überlegungen zum Bibliolog in Indien ging. Diese lagen mir aufgrund meiner Familiengeschichte lange am Herzen, unsere Urgroßeltern waren in Indien in der Mission tätig. Anfang des Jahres, kurz vor dem Corona-Lockdown, hatte ich die Chance, endlich einmal Bibliolog in Indien auszuprobieren. Gemeinsam mit meiner Schwester Maike Lauther-Pohl war ich mit einer Frauendelegation der Nordkirche in der Jeypore-Kirche, die sich im Rahmen des Projekts „Women on the move“ mit indischen haupt- und ehrenamtlich engagierten Frauen der Jeypore- und auch der Assam-Kirche traf. Zunächst hatte ich überlegt, bei einem der beiden großen „stree melas“, einem Treffen einiger hundert Frauen aus vielen Dörfern, einen Bibliolog zu machen; dies schien mir dann aber für einen ersten Versuch zu komplex und unübersichtlich. Daher fand der Bibliolog im Rahmen des Seminars mit den ca. 25 delegierten indischen und deutschen Frauen statt. Eine indische Pastorin übersetzte Prolog, Hinführung und die Fragen aus dem Englischen in Odiya und die Teilnehmerinnen konnten entweder Englisch oder Odiya sprechen, was dann jeweils übersetzt wurde, bevor ich es auf Englisch im Echoing wiedergab. Als Text hatte ich die Erzählung von Maria und Martha (Lukas 10,38-42) gewählt, weil mir darin gute Identifikationsmöglichkeiten für die indischen Frauen zu liegen schienen.

Die Hinführung führte in die Situation des Dorfes hinein, in dem seit einer Weile schon immer wieder von einem Jesus die Rede ist, der mit einer Gruppe von Frauen und Männern durch das Land zieht, vom Reich Gottes spricht, Ideen verbreitet, wie das Leben sein sollte, und auch heilt und böse Geister austreibt. Nach V.38 „As Jesus and his disciples were on their way, he came to a village where a woman named Martha opened her home to him“ formulierte ich die erste Rolle und Frage: „You are Martha. Martha, what makes you invite Jesus?“ Ich hatte kaum ausgesprochen (geschweige denn, dass übersetzt worden wäre), da meldete sich bereits die erste Teilnehmerin, mit 65 die älteste der Runde, und begann unmittelbar auf Odiya zu sprechen, was dann übersetzt wurde mit: „Hospitality is very important to me. Of course I open my home for Jesus!“ Dies gab ich im echoing wieder und sofort schloss sich die nächste Äußerung an, dann die nächste und wieder die nächste… Eine Scheu, in den biblischen Rollen zu sprechen, war überhaupt nicht zu bemerken, im Gegenteil: Dass sich im Laufe eines Bibliologs mit vier Rollen alle 25 Teilnehmenden beteiligen, habe ich in Europa kaum jemals erlebt. Besonders dicht wurde es noch einmal in der letzten Rolle, als nach Maria und noch einmal Martha eine Freundin der beiden befragt wurde: „You are Susanna, a very good friend to both of the sister. Susanna, you have heard everything that was spoken in the house through an open window. (I’m sure you didn’t mean to eavesdrop, but you have good ears…J) What do you feel in this moment, what is in your heart about the two sisters?“ Manche der Frauen nahmen eher Partei für Maria, andere für Martha, viele aber konnten beide sehr gut verstehen. Kritik an Jesus, wie ich es aus dem deutschen Kontext bei dieser Geschichte oft kenne, wurde nur sehr ansatzweise geäußert, und ich hätte mir auch nicht vorstellen können, Jesus zu befragen. Ansonsten kamen manche Äußerungen, die mir vertraut waren, während bei anderen die deutlich patriarchaleren indischen Lebensverhältnisse spürbar wurden. Vor allem aber wurde durchgehend der sehr viel selbstverständlichere internalisierte Anspruch, das Leben nach christlichen Maßstäben gut zu führen, deutlich, bei dem Versagen und Schuld rasch möglich sind.

Das anschließende Sharing zeigte, dass viele Frauen tief in die Geschichte eingestiegen waren und die ihnen sehr gut bekannte Handlung ganz anders wahrgenommen hatten als sonst. Mehrere zeigten sich bewegt und berührt, so nah an den biblischen Gestalten gewesen zu sein. Und mehrere wünschten sich mehr davon – und wollten es sofort selbst lernen.

Anamika J. Bag Sona, Theologin in der Assam-Kirche, formuliert es so: „It was a great opportunity for me to involve, to expose and to explain the word of God in a new way. For me Bibliolog is an essential und acceptable way to attract people which I strongly believe listeners could keep the teaching of the word of God for long time or it could be set permanent in listeners mind. Further, it is also an excellent way to get deep in mind of young generations and children, who are the future leaders of our church and society.“

Zumindest zum „mehr davon“ ergaben sich ausgerechnet durch Corona rascher als gedacht neue Möglichkeiten. Im Juni bekam ich von Kuntala Naik, einer der Pastorinnen, die die Frauenarbeit in der Jeypore-Kirche organisiert, eine WhatsApp mit der Frage, ob ich mir einen Bibliolog über Zoom vorstellen könnte. Das sagte ich natürlich gerne zu. Nach einigen organisatorischen Schwierigkeiten fand dieser dann Ende Juli statt, mit acht „lady pastors“, wie die (immer noch wenigen) Pastorinnen der Jeypore- und der Assam-Kirche genannt werden. Ihre ohnehin sehr anstrengende Lebenssituation zwischen 200%igem Einsatz für die Gemeinden, mit dem sie ihre Tauglichkeit für diesen Beruf unter Beweis stellen und der vollen Haus- und Familienarbeit wird gegenwärtig durch die dort sehr angespannte Corona-Situation noch verschärft, so dass ich gebeten wurde, das „spiritual nourishment“ besonders im Blick zu haben. Da lag natürlich Psalm 23 nahe. Gleich bei der ersten Frage Soul, how does it feel to be so refreshed? What is it like to be grazed in a green meadow and be led to fresh water?“ wurde deutlich, wie wichtig es für die Frauen ist, die permanent geben, etwas zu bekommen. Während ich ansonsten gerne die Situation des bereiteten Tisches aus V.5 in der Perspektive des „Feindes“ erleben lasse, habe ich hier deshalb auch die Rolle der am Tisch sitzenden Person gewählt. Nachdem die Beteiligung aber auch in diesem Bibliolog rege und lebendig war, habe ich dann anschließend noch einmal in die Perspektive des darauf blickenden „Feindes“ eingeladen – und auch dies war gut möglich. Bei dem Bibliolog über Zoom habe ich auf das echoing verzichtet, weil das mit der Übersetzung zwischen Englisch und Odiya dann vermutlich endgültig aus der Trance geholt hätte. Technisch ergaben sich bei diesem Bibliolog außer dem Totalausfall fast alle denkbaren Probleme: schlechte Verbindungen, Rauschen, prasselnder Regen auf Blechdächern, ins Bild laufende Kinder und Männer, einzelne flogen bei Zoom raus und kamen wieder rein, jeweils nach 40 min mussten sich alle wieder neu einwählen. Noch vor einigen Monaten wäre ich sicher gewesen, dass unter diesen Umständen eine Trance nicht möglich ist. Erstaunlicherweise tat all dies der Dichte und Intensität der Begegnung mit dem Psalm keinen Abbruch. Wenn Bibliolog unter diesen Umständen nicht nur möglich, sondern auch so dicht sein kann, kann ich mir schwer Umstände vorstellen, unter denen er nicht geht.

Wir haben verabredet, alle sechs bis acht Wochen einen Bibliolog über Zoom zu machen, zumindest bis es dort den ersten Kurs gibt. Einen solchen haben meine Schwester, die ebenfalls Bibliolog-Trainerin ist, und ich mit Unterstützung der Nordkirche für Anfang 2022 ins Auge gefasst – in der großen Hoffnung, dass die Corona-Lage dies dann zulässt. Das Interesse ist ausgesprochen groß, den Gemeinden auf diese Weise die Bibel unmittelbar und lebendig so zugänglich zu machen, dass sie sie selbst auslegen und nicht nur der Auslegung der Ordinierten zuhören.

Kuntala Naik drückt es so aus: „I feel Bibliolog is a very good model because normally in bible study we just listen to the resource person and answer a few questions if the resource person or facilitator asks. Bibliolog gives me the space to be creative and it takes me into the text. It connects me personally with the text, allows me to be the character and helps me to understand the text and context. It also helps me to reflect on the text in my own personal life.“

Für uns ist dies eine sehr besondere Konstellation. Ende des 19. Jh. hat unser Urgroßvater zusammen mit seinem Kollegen unter den kastenlosen „Dalits“ in dieser Region als erster von einem Gott gesprochen, der Menschen nicht nach ihrem (Kasten- und Geschlechter-)Status bewertet, sondern jedem Menschen unverlierbare Würde zuspricht. Wie wichtig dies für das Lebensgefühl von Christ*innen in Indien bis heute ist und wie sehr sie die Mission damals deshalb schätzen, weil sie Freiheit und Selbstbewusstsein auf sie zurückführen, habe ich dort erst gelernt – und es hat meine missionskritische Perspektive und auch meine Schwierigkeiten mit meiner diesbezüglichen Familiengeschichte sehr verändert. Wenn wir nun 140 Jahre später mit dem Bibliolog eine im 19. Jh. begonnene Linie von Empowerment im Namen des Evangeliums weiterführen dürfen, ist das besonders und wirklich bewegend.

Theologie in Midrasch und Bibliolog

Auch die Entwicklung der theologischen Überlegungen zum Bibliolog gehen beständig weiter. Alexander Deeg und Uta Pohl-Patalong haben sich in einem Aufsatz (erschienen in Praktische Theologie Jg.55, 2020) mit der Frage beschäftigt, ob und in welcher Weise im Bibliolog und im Midrasch eigentlich Theologie betrieben wird und zeigen dies am Beispiel der Hebammengeschichte (Ex 1,15-21).

Aufsatz als pdf

Zurück zu mir – Gedanken zum de-roling

Mit der Hinführung öffnet sich für die Teilnehmenden eines Bibliologs die Tür in die biblische Geschichte. Ein ebenso wichtiges, oft jedoch unterschätztes und unscheinbares Ritual, ist der Weg zurück in die Gegenwart und zu jeder und jedem selbst.

Mit dem Dank an die biblischen Personen und die Teilnehmenden des Bibliologs ist zugleich das Ablegen der biblischen Rollen verbunden. Dadurch bietet sich die Möglichkeit für jede/n Einzelne/n, wahrzunehmen, was sie oder ihn persönlich bewegt. Lesen Sie hier mehr darüber, wie dies gut gelingen kann.